Ich habe einen Schatz gefunden..

und der trägt seinen Namen: Leslie Poles Hartley (1895-1972)

Sein erstmals 1953 auf Englisch publizierter Roman The Go-Between ist nun in der 3. deutschen Übersetzung unter dem Titel Ein Sommer in Brandham Hall im Eisle Verlag verlegt worden.

Das es sich dabei um einen englischer Literaturklassiker handelt, für den Hartley den renommierten Heinemann Award der Royal Society of Literature erhielt, ist mir in meinen zig Lesejahren total entgangen. Hartley, der nach dem Schriftsteller & Vater Virginia Woolfs benannt wurde, hatte zwar schon 1924 sein erstes Werk veröffentlicht, dem 17 Romane, einige Bände mit Shortstories folgen sollten, doch sein literarischer Durchbruch gelang ihm erst in der 2. Lebenshälfte. Doch hat er erfolgreich als Literaturkritiker gearbeitet, war Commander of the Order of the British Empire & Vorsitzender des britischen Abteilung des P.E.N Clubs. Zu seinen Freunden zählten so bekannte Namen wie die Schriftsteller Aldous Huxley, D.H. Lauwrence & Cynthia Asquith, die Gesellschaftsdame Lady Morell, in deren Literaturzirkel er regelmäßig verkehrte, & Prinzessin Bibesco, war bekannt mit den Bloomsbury Mitgliedern und doch hatte ich denn Namen nie zuvor gehört, was an meiner literarischen Eitelkeit schon ein wenig gekratzt hat 😉

Wenigstens den ersten Satz erkannte ich als viel zitiertes Bonmots: „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln.“ mit ihm führt Hartley den Leser in ein untergegangenes langes Jahrhundert, in eine auch 1953 schon weit entfernte, fast vergessene Welt, deren ungeschriebenen Regeln & moralischen Grundsätze sich überlebt hatten.

Nun aber zum spätviktorianischen Plot, der so wunderbar britisch ist, dazu der Erzählton im positivsten Sinne so sehr 19. Jahrhundert, dass ich, die sich so gerne ganz altmodisch in Romanen verliert, von der ersten Seite im besten Sinne hin- und weg war. Wer wie ich E.M. Forster inhaliert, die Bronte Schwestern & Jane Austen liebt, Nathaniel Hawthorn & Henry James verehrt, der nehme sich Anfang Mai, dem Erscheinungstermin des Romans, nichts vor, reserviere ein Sofa oder mit Wetterglück eine Hängematte & tauche ab in Hartleys Roman.

Der Ich-Erzähler und prepubertäre Held, der phantasiebegabte 12-jährigen Leo, Sohn einer bürgerlichen Bankdirektorenwitwe, verbringt auf Einladung seines Schulfreundes Markus einige Wochen seiner Sommerferien des Jahres 1900 bei dessen vermögender Familie in deren Herrenhaus in Norfolk, im östlichen England. Dort wird ein müßiggängerischer Lebensstil gefrönt, die 12 Hausangestellten sorgen dafür, dass sich die Bewohner & ihre wechselnden erwachsenen Gäste die Tage mit Picknicks & Ausfahrten, Einkäufe & Badespaß, Cricketspiele & Hausbällen vertreiben können. Für Leo eine völlig neue Welt, deren Codes er erst langsam zu entschlüsseln lernt. Er gibt sich einer stillen Schwärmerei für Markus älterer Schwester Marian hin, die kurz vor einer Verlobung mit dem kriegsversehrten Lord Trimingham steht, und besonders zuvorkommend zu dem naiven Jungen ist, & ihn als Postillon d’amour für ihre unstandesgemäßen Rendez-vous‘ mit dem grobschlächtigen Pächter Ted mißbraucht.

Diese raffiniert konstruierte Geschichte, die wie in einer griechischen Tragödie auf das Unvermeidliche zusteuert, das, so sehr er sich auch bemüht, Leo nicht aufhalten kann, so dass die Scham & die Schuldgefühle darüber sein weiteres Leben überschattet.

Erzählt wird das alles rückblickend, der jetzt mittsechzigjährige Leo erlaubt sich erstmals in seinem Leben die Ereignisse jener ungewöhnlich heißen Tage auf dem Lande zu erinnern.

Literaturwissenschaftlich handelt es sich um eine Mischung aus Entwicklungs- und Gesellschaftsroman, der aber auch starke autobiographische Parallelen zum Leben des Autors (A. Wright, Foreign Country: The Life of L. P. Hartley. 1996) hat.

Ganz besonders beeindruckt hat mich, wie sensibel & poetisch es Hartley gelingt das Seelenleben seines Protagonisten, der sich in jener Zwischenzeit zwischen Kind & Teenager befindet, darzustellen. Ein großer Teil des Textes gibt Einblick in dieses reiche Innenleben, das der Autor in den impressionistischen Landschaftsbeschreibungen spiegelt, wie man es zum Beispiel aus Emily Brontës Sturmhöhe kennt. Sein Blick ist dabei so einfühlsam, ohne voyeuristisch oder übergriffig zu sein, wie ich es selten von einem Autor gelesen habe.

Wem mein backfischhaftes Geschwärme als Leseargument nicht reicht, den überzeugen möglicherweise die bewussten inhaltlichen Parallelen zu Ian McEwans Roman Abbitte, denn die Großen suchen ihre Inspiration schließlich nur bei den gar meisterlichen ihres Fachs.



Lesli Poles Hartley: Ein Sommer in Brandham Hall. Eisle Verlag. erscheint am 2. Mai 2019

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