Don’t cry for me Ballester..

es liegt nicht an dir, an mir, ich weiß!

Vielleicht schicke ich schon mal vorweg, ich war super gespannt auf Nachtleuchten , den 2. Roman von María Cecilia Barbetta, der in den politisch verworrenen 70er Jahren in Argentinien spielt. Jenem Staat, der 3x von dem charismatischen General Juan Domingo Perón (1895-1974) gelenkt wurde, & dessen 2. Ehefrau, Eva Duarte Perón, genannt Evita, der Songtitel, auf den ich mit der einleitenden Überschrift Bezug nehme, gewidmet ist.

Aber erst einmal ein Sprung zurück in Argentiniens Geschichte:

Juan Péron ist stark von den faschistischen Führern Mussolini & Franko geprägt. Um die in den 40er Jahren stark kommunistisch beeinflussten Arbeiter auf seine Seite zu ziehen, führt er schon als Arbeitsminister in den 40ern allerhand Reformen zu ihrem Vorteil ein. Als sich das Militär gegen ihn stellt, ihn loswerden will, sind es dann u.a. die Arbeiter, die dafür sorgen, dass er 1946 zum Präsidenten Argentiniens gewählt wird. Der Peronismus ist geboren. Evita, die zum Teil noch heute wie eine Heilige, als „Madonna der Armen“ verehrt wird, hat mit den großzügig ausgestatteten Wohltätigkeitsorganisationen, ihrem Kampf für Arbeiter- & Frauenrechte großen Anteil an seinem Erfolg. Um aus Argentinien einen Industriestaat zu machen, gewährt Perón auf der Suche nach technischem Know-how vielen dt. Kriegsverbrechern, Alt-Nazis, Zuflucht in seinem Land. 1952 wird erneut zum Präsidenten gewählt, doch diese Amtszeit ist weniger glücklich, ein Jahr später stirbt Evita, seine Sozialabkommen & gescheiterten Industrialisierungsversuche haben den Staat fast ruiniert, so dass das Militär 1955 putscht & ihn aus dem Land jagt.

1973 ruft die Militärdiktatur nach vielen Krisen freie Wahlen aus. Auch wenn die Peronisten in viele mehr oder minder radikale Gruppierungen zerfallen waren, hatte Perón doch immer Kontakt gehalten, so dass er nach der Wahl des Peronisten Héctor Cámpora aus dem spanischen Exil zurückkehrt & wenig später sogar das Amt des Präsidenten von ihm übernimmt. Der gesundheitlich angeschlagene Perón setzt seine dritte Ehefrau María Estela Martínez de Perón, genannt Isabel, als Vizepräsidentin ein, in der Hoffnung mit ihr, wie einst mit seiner 2. Ehefrau Evita, das Volk zu besänftigen. Doch diesmal lassen die linken Kräfte im Land nicht mit paternalistischen Almosen abspeisen & so geht er hart gegen sie vor. Als Perón ein Jahr später stirbt, übernimmt seine politisch total unfähige Witwe die Staatsgeschäfte & die noch unter ihrem Mann eingerichtete paramilitärische Einheit „Alianza Anticomunista Argentina (AAA)“ verfolgt & ermordet systematisch Linke & Andersdenkende. Staatsterror plus eine instabile Wirtschaftslage sorgen dafür, dass das Militär im März 1976 ohne großen Widerstand das Land erneut übernehmen kann.

Mit diesem Schulwissen im Kopf konnte der Roman doch nur spannend werden.

Barbetta siedelt ihren Plot nicht, wie vielleicht erwartet, in der Hauptstadt an, sondern in Ballester, eigentlich Villa Ballester, einer Kleinstadt nordwestlich von Buenos Aires, die seit 1889 durch die Linea Mtre eine schnelle Anbindung an der Metropole gewährleistet. Warum? Barbetta, 1972 geboren, hat das Studium vor 20 Jahren nach Deutschland verschlagen, wuchs in dieser Stadt, nicht weit von der Küste gelegen, auf.

Sie porträtiert in Nachtleuchten sehr einfühlsam ihre Geburtsstadt & seine Bewohner. Deren Frömmigkeit, symbolisiert durch die katholischen Internatsschule Santa Ana, den dort unterrichteten Nonnen & ihren Schülerinnen, aber auch den dort weit verbreiteten Aberglauben, den die hier beschriebenen Katholiken ganz problemlos in ihre katholische Weltsicht integrieren können, der in keiner Konkurrenz zum eigenem Glauben verstanden wird. Barbetta portraitiert diese multikulturelle Einwandererstadt mit ihren unterschiedlichen sozialen Schichtungen, in dem sie eine junge Internatsschülerin, dass titelgebende Nachtleuchten in Form einer fluorizierenden Madonnenfigur von Bewohner zu Bewohner tragen lässt. Von einer gediegenen Unternehmervilla, über die Kfz-Werkstatt „Autopia“ mit ihren Angestellten & Kunden & der Friseursalon „Ewige Schönheit“ mit seinen plappernden Kundinnen, im Gegensatz zur gesamten deutschen Kritik hat mich diese poetische Namenswahl nicht ganz so verzückt, wandert die hölzerne Muttergottes als eine Art übermenschliche, teilnehmende Beobachterin von Haus zu Haus, um eine Art Live-Bericht der Bewohner & Angestellten zu liefern.

Natürlich gehts dabei auch um Politik, aber halt nicht um die große, eher das Gegenteil, um die Rettung des kleinen Alltagslebens davor. Barbetta zeichnet ganz in der Tradition einer Costumbrista die Sitten und Gepflogenheit nach. Sie legt einer Ethnologin gleich, eine Art Sittengemälde, ein Genrebild vor, beschreibt dabei detailversessen Straßen & Plätze, Menschen & ihre Wohn- & Berufsfelder, Landschaft & Lebensformen, aber ohne der politischen Situation in den 70er Jahren in Argentinien, der historischen & ideengeschichtliche Epoche für mich ausreichend viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich mag breit angelegte Geschichten, ich mag das Panoramabild, ich mag Geschichten üppig, barock ausgeschaltet, ich bin sogar detailverliebt, ich tauche gerne ein & bade im Leben der Romanfiguren, all das bietet der Text & das trotzdem konnte mich der Plot nicht für sich einnehmen. Es lag auch nicht unbedingt am Stil, ich mag komplexe Satzstrukturen, ich brauche zwar in einem solchen Text keine grafischen Elemente, aber kann damit leben, nur ihre Sprachbilder waren mir zu naiv, aber auch das hätte ich überlesen können. Eigentlich.

Sicherlich ist dieser Roman eine ganz wunderbare Hommage an Ballester & seine Bewohner Anfang der 70er, die mich aber nicht wirklich berühren konnte. Das hat mich irritiert, weil ich nicht genau benennen konnte, woran es lag. Letztendlich ist es vielleicht eine Frage des Rhythmus, wie bei einem Musikstück. Mir war es zu ruhig, zu wenige Tempiwechsel, zu viele Dacapi.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. S. Fischer Verlag. 2018

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