Ein Mädchen aus gutem Hause

verlässt an einem Morgen im Februar 1944 die elterliche Villa am Gardasee, um dem Ruf ihres Herzens zu folgen.

Lucette Mangione, die behütete 19 jährige Tochter eines Staatssekretärs in Mussolinis faschistischer Partei Repubblica Sociale Italianna, hatte zu studieren begonnen, als sie sich aufmacht, um sich die ihr unverständliche Kritik am 1000 jährige Reich ihres Posterboys Adolf Hitler vor Ort zu überprüfen. Sie meldet sich ohne das Wissen ihrer Eltern als Freiwillige für den Arbeitsdienst im Deutschen Reich.

In ihrem autobiographischen Roman Umwege, der erstmals 1979 unter dem Titel Deviazione in Italien erschienen ist, beschreibt Luce d‘ Eramo, geborene Mangione, in einem sehr persönlichen Rückblick, wie aus dem verblendeten, bürgerlichen Töchterchen, der politische Mensch wurde, der sich dieser Entwicklung stellt.

Im Deutschen Reich angekommen, meldet sie sich als Freiwillige bei den IG Farben in Frankfurt Höchst & hier stößt dann auch sehr bald ihre faschistische Überzeugung auf die Realität. Sie lebt mit den anderen Fremdarbeitern, Polen, Franzosen & Russen, die meisten von ihnen Zwangsarbeiter, in einem stinkenden, menschenunwürdigen Barackenlagern & verliert hier sehr schnell ihre rosaroten Jungmädchenillusionen. Lucia teilt mit diesen Menschen die viel zu geringen Essensrationen, erregt sich über die Ungerechtigkeit, aber auch über den Stoismus, mit dem die meisten Arbeiter sie klaglos erdulden. Sie versucht erfolglos einen Streik zu organisieren. Während sie sich laut empört, möglicherweise auch, weil sie sich sich für ihre gerade erst ins Wanken gebrachte, naive Bewunderung schämt. Als sie einen Zusammenbruch erleidet, beordert ihr Vater sie mit Hilfe des italien. Konsuls in Deutschland nach Italien zurück. Doch kaum in Verona auf dem Bahnhof angekommen, beschließt Lucia den Familienbanden endgültig zu entkommen. Sie entledigt sich ihrer Papiere & damit ihres alten Ichs, lässt sich von der SS aufgreifen & ohne Schutz von höherer Stelle geht es jetzt direkt ins Konzentrationslager Dachau, in der Nähe von München. Hier ist sie nun keine besser gestellte Freiwillige mehr. So erlebt sie nun: Hunger, Terror, ständige Todesangst. Bei Kanalarbeiten gelingt ihr die Flucht & sie versteckt sich als Illegale ausgerechnet im Arbeitslager in Dachau. Da sie nicht registriert ist, beginnt nun der nervenzerrende Versuch für das Personal im Lager unsichtbar zu sein, die richtigen Allianzen mit den Insassen einzugehen, irgendwie das alles zu überleben, den Dreck, die Krankheiten, den Hunger, die Gewalt, irgendwie.

Das dritte Reich ist 1944 nicht mehr der leuchtende Faschismus-Vorzeigestaat, dieser gelebte Riefenstahl & Trenker-Film aus Luces Phantasie, sondern ein stinkender, zerbombter, wir würden heute sagen „failed state“, ein in Auflösung begriffener Staat.

Ein Jahr später wird sie bei dem Versuch Verschüttete aus einem Haus zu Bergen lebensgefährlich verletzt. Erst nach etlichen Krankenhausaufenthalten, tritt sie 7 Monate später, nach Kriegsende, querschnittgelähmt, im Rollstuhl, die Heimreise nach Italien an. Sie ist sichtbar körperlich versehrt, aber sie hat überlebt. Den seelischen Wunden wird sie sich erst Jahrzehnte später stellen, öffentlich mit diesem Buch.

Noch im Krankenhaus lernt sie ihren zukünftigen Ehemann den Philosophiedozenten Pacifico d‘ Eramo kennen, heiratet ihn 1946, wird Mutter eines Sohnes, Marco, doch die Ehe zerbricht sehr bald, 1952 trennen sie sich. Sie studierte Literaturwissenschaften & Philosophie, promovierte dann 1951 & 1954 n beiden Fächern .

Lucia ist auch in ihrem 2. Leben ein politischer Mensch, sie arbeitet als Autorin, veröffentlicht über ein Dutzend Bücher, ihr erfolgreichstes „Nucleo Zero“ über eine Terroristengruppe wird 1984 sogar verfilmt, sie arbeitet als Lehrbeauftragte für Literatur & schreibt für die von ihrem Sohn Marco mitherausgegebenen linken Zeitung „Il Manifesto“. Sie gehört in Italien zum Intellektuellenzirkel um Moravia, Morante & Maraini.

Mit fast 50 beginnt sie sich öffentlich zu erinnern, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, sie sich zurück zu erobern. Ihre politische Entwicklung von der glühenden, naiven Faschistin, über ihre Erweckung in Hitler Deutschland, die gesamte Gefühlspalette, die sie dabei durchläuft, nachzuzeichnen. Sie schreibt anekdotisch, assoziativ ihr Leben nieder. Ihre Aufzeichnungen, diese Mischung aus Erinnern, Verdrängen & Vergessen, lesen sich schonungslos, ihr Ton ist oft zynisch, sogar böse, sie schreibt ohne Rücksicht auf sich selbst oder ihre Reputation als politische Autorin, aber doch meine ich auch aus jedem Satz, jedem Absatz die geübte Erzählerin zu lesen.

D‘ Emaro selbst sagt über ihren autobiographischen Roman:

Ich habe versucht, zu beschreiben wie ich durch die Fehler, die Fallen, in die ich gelaufen bin, die Ungerechtigkeiten, die ich gesehen habe, ein besserer Mensch zu werden versuchte. Und ich habe die Hoffnung, dass wir das alle machen


Luce D’Eramo: Der Umweg. Übersetzung Linde Birke. Klett-Cotta Verlag. 2018

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