Wie wird ein Rechtsradikaler ein Rechtsradikaler?

Oder um präzise zu sein, wie werden aus kleinen, unschuldigen Jungs rechtsradikale Hooligans? Diese Frage haben sich seit den vermeintlichen Chemnitzer Trauermärsche im Sommer 2018 nicht nur der gemeine Tagesschauseher, die Politologen & Soziologen gestellt, sondern schon Jahre vor ihnen allen hat die Band „die Ärzte“ mit ihrem Song „Schrei nach Liebe“ auch ihre Antwort darauf gegeben.

Lukas Rietzschel, Jahrgang 1994 in einem kleinen Ort in Ostsachsen geboren & immer noch in Görlitz lebend, wie jeder Rezensent des Romans nicht vergisst zu erwähnen, als sei das Bleiben im Osten, wenn man doch gehen könnte, eine besondere Leistung, gibt mit seinem Debutroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ darauf auch keine hinreichende Antwort, um ehrlich zu sein, er stellt noch nicht einmal die Frage.

Er erzählt einfach. Und wie ich finde macht er das ziemlich gut. Mit seinen reduzierten, aber berührenden Sätzen trifft er genau den richtigen Ton.

Gerade der erste Teil dieses Coming-of-Age Romans, der von der Kindheit der Brüder, Philip & Tobias, in dem fiktiven ostsächsischen Dorf Neschwitz in Autofahrtnähe zu Hoyerswerda berichtet, beeindruckt durch seine wabernde Unschuld, hinter der das stille Grauen lauert. Hoyerswerda, ein Ort, dessen Innenstadt hier gerne Mal zum umschuldigen Vergnügen von Alt & Jung angefahren wird, zum Schaufensterbummel für die Großmutter, während die Enkel & der Großvater auf einer Bank in der Fußgängerzone sitzen & Eis essend auf sie warten. Das einzige Auffällige des Ausflugs ist die stets schwungvoll passierte Ortsausfahrt & das Schweigen auf die von Gerüchten genährte Frage von der Rückbank. Ein Ort, der dem politisch interessiertem Leser seit dem September 1991 eine ganz andere, weniger friedvolle Geschichte erzählt.

Der Roman, aufgeteilt in drei Abschnitte, setzt im Jahr 2000 ein, also elf lange Jahre nach dem Mauerfall & dem Versprechen auf blühende Landschaften & begleitet das Leben der Brüder bis ins Jahr 2015. Die berufstätigen Eltern der Jungs scheinen erst einmal zu den Gewinnern der Wende zu gehören, beide arbeiten, verdienen genug, um sich den kleinbürgerlichen Traum eines Häuschens zu ermöglichen. Gebaut in einer Neubausiedlung & mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden & Bekannten. Auch denen, die selber nicht so viel Glück hatten, die erst ihre Gewissheiten, dann Job, Frau, Freunde & Selbstachtung verloren haben, wie Uwe, der Ritter von der jämmerlichen Gestalt, dessen so sichtbares Elend, den anderen Angst macht, als sei es ansteckend. Bonjour Tristesse.

Die Auswirkungen des Abbaus der DDR sind hier wie unter einem Brennglas sichtbar. Rietzschel erzählt von dem, was ist, wenn alles geht, vom Verschwinden des Tagebaus der Region, vom Jobsterben, von zerstörten Strukturen, von Gemeinschaften, die es plötzlich nicht mehr gibt, keine Genossen, Kumpels, Kollegen, Nachbarn oder Ehefrauen mehr.

Diese schmerzhaften Lücken werden nun aber auch nicht wie versprochen durch eine Neubelebung der Region, durch neue Jobs, geschlossen, sondern sie bleiben wie eine klaffende Wunde. So rücken die Zurückgelassenen in ihrem Trennungsschmerz also zusammen, einige rotten sich sogar. Auf sich allein gestellt, abgehängt von der Wirtschaftslokomotive, die nicht bis in die Lausitz fährt, suchen sie nach Schuldigen, auch die jungen, hier vor allem die, die jungen, mutlosen Männer.

Statt zum Berg zu ziehen, warten sie auf den Propheten & fallen dann auf den erstbesten rein, der ihnen Erlösung aus ihrem Verliererleid verspricht. Ihnen Zugehörigkeit anbietet. Gemeinschaften brauchen eine gemeinsame Geschichte, eine Narration, als Kitt, als Kleber, der sie zusammenhält. Großmannsträume wie damals sollen sie hören & es gibt immer einen der sie einflüstert. Ihre Antwort auf das alles ist Hass auf die „Anderen“, egal ob Journalisten, „linksversieft“, homosexuell, oder Flüchtling. Jeder, der ihnen, aus welchen Gründen auch immer, machtvoller erscheint & sie sich dadurch noch etwas unbedeutender fühlen lässt.

Ich sagte ja, Rietzschels Romandebut gibt keine Antwort darauf, die alle beschäftigt. Was er aber tut, mit seinem Roman, er zeichnen ein sehr sensibles Portrait einer Region & ihrer Menschen & er verschafft ihren unerzählten Geschichten Gehör.

Dieser junge Mann, der geblieben ist, nicht weil er musste, sondern vielleicht sogar aus Solidarität mit denen, die den Weg daraus nicht finden, er ist wie ein Chronist, wie ein Schreiber in alter Zeit, er hält Geschichte fest, die hier aber nicht vom Sieger diktiert wird.


Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein Verlag. Berlin 2018

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