Deutscher Frühling, leider eher m/ein literarischer Herbst

Ich lese gerne historische Romane, schon immer. Einer meiner ersten Romane noch im Grundschulalter war ein Schmöker über den Goldrausch in Kalifornien. Ich mag diese Form der Unterhaltungsliteratur, mittlerweile ist mein Anspruch an die Historizität, die Sprache & den Plot ein anderer, aber neben weiteren Genres tauche ich immer noch gerne ab in vergangene Zeiten.

Aus biographischen Gründen liegt mein Schwerpunkt dabei nicht in der neueren Geschichte, um so mehr freue ich mich, wenn ich einen Roman entdecke, dessen Plot dort angesiedelt ist. So erging es mir auch bei Sebastian Thiels historischem Kriminalroman Deutscher Frühling, der im von mir sehr geschätztem Gmeiner Verlag erschienen ist.

Thiel, Jahrgang 83, wohnhaft am Niederrhein, der schon zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat, widmet sich mit seinem neuesten Werk den letzten Kriegstagen in Köln. Zwischen den zerbombten Häusern, inmitten des letzten Widerstands gegen die englischen & amerikanischen Befreier, die soeben den Rhein überqueren, um dem 1000-jährigen Reich ein Ende zu machen, lernen die Leser, den lebensüberdrüßigen Ex-Wachtmeister Hardy Schmittgen kennen. Ein wahres Köllner Urgestein & der ältere des ungewöhnlichen Heldenpaares dieses Romans. Ihm hat der Krieg die Frau & Tochter genommen, den Job als begnadeter, aber auch brutaler Verbrecherjäger, das Zuhause & damit auch jeden Grund weiterzumachen.

Er entdeckt eine aufgelassene Kneipe, nebst Wirtswohnung mit ihren ermordeten Besitzern. Deren versteckte Alkoholvorräte lassen den notorischen Trinker kurzerhand seinen Todeswunsch auf ein Später verschieben, wenn alle Flaschen geleert sind. Er beerdigt nachts das Ehepaar im Hof der Mietshauses & nistet sich unbemerkt von anderen in der Wohnung ein.

Sein Gegenpart ist das junge Mädchen Luisa Porovnik, eine Berliner Göre, die sich gewieft auf dem Berliner Schwarzmarkt durchschlägt, um für sich & ihre Familie das Überleben in der zerstörten Stadt zu sichern. Als ihre Eltern durch einen Luftangriff getötet werden, sie in Berlin niemanden mehr hat, beschließt sie sich auf den gefährlichen Weg nach Köln zu entfernten Verwandten zu machen, zu jenen Wirtsleuten, in deren Eigentum sich Hardy eingenistet hat. Die Reise wird für sie zum traumatischen Tiefpunkt des Krieges, aber ihr unbändiger Überlebenswille lässt sie es bis in die Domstadt schaffen.

Im Hof des Kölner Hauses treffen die junge Kämpferin & der sich seinem Schicksal Ergebene aufeinander, als sie einem englischen Soldaten, der von einer überzahl amerikanischer GIs überfallen wird zu Hilfe eilen. Der dankbare Gerettete stellt sich als der attraktive & smarte Verbindungsoffizier des britischen Militärgouverneurs, als Reginald Taylor, vor & lädt schon bald die Zwei, die sich als WG arrangieren, zu sich & seiner attraktiven Ehefrau ein. Nicht ohne Hintergedanken ihre Fähigkeiten zu seinem Vorteil zu nutzen. Sie sollen den, in den Kriegswirren verschollenen Kölner Domschatz zurückbringen, der irgendwo in Franken zu sein scheint. Luisas & Harrys Zusammenarbeit erweist sich als erfolgreich & so folgen in den nächsten Monaten weitere kleine & größere, mehr oder minder gefährliche Aufträge, die entsprechend honoriert werden.

Als der sowjetisch besetzte Teil Berlins vom westlichen Teil abgetrennt wird & die Amerikaner die Westberliner aus der Luft durch die sogen. Rosinenbomber versorgen, werden die beiden in Luisas Heimat geflogen, um in der Berliner Unterwelt nach einem Dokument zu suchen, das öffentlich gemacht, beweisen würde, wie sehr Berlin auch Spielball der westlichen Besatzer war.

Der historische Hintergrund: Nachkriegsdeutschland, Wiederaufbau, die Situation in den unterschiedlichen Besatzungszonen, die Animositäten der Besatzer untereinander, die eingestreuten Anekdoten über historische Persönlichkeiten, wie z.B. Konrad Adenauer & die Beschreibung historischer Ereignisse, wie der offiziellen Feier zum Inkrafttreten des dt. Grundgesetzes, fand ich sehr interessant, hätte für meinenGeschmack aber gerne noch mehr Raum einnehmen dürfen.

Der Plot selbst wirkte auf mich etwas zusammenhanglos, eine Aneinanderreihung von Aufträgen, die für mich uninspiriert, zum Schluss noch schnell als kreativer, großer Plan aufgedeckt wurde. Die Idee eines so ungleichen Paares gefiel mir hingegen gut, nur leider fand ich die Figuren, allen voran die des männlichen Ermittlers, teilweise schrecklich konstruiert, so unecht agierend, aber vor allem kommunizierend. Was meiner Meinung nach vor allem an der Erzählerstimme lag, der ich am liebsten schon nach wenigen Seiten in bester „Brutalo Hardy Schmittgen“-Manier den Garaus gemacht hätte.

Ja, leider war dieser Deutsche Frühling für mich eher ein unterhalterischer Herbst.

Sebastian Thiel: Deutscher Frühling Gmeiner Verlag

Ich danke dem Gmeiner Verlag für das Rezensionsexemplar

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