Verstand & Vorurteil

1724 wird auf einem abgeernteten Feld am Waldesrand in der Nähe von Hameln im Fürstentum Lüneburg-Braunschweig ein etwa 12 jähriger Junge aufgegriffen. Er ist, von einem zerfetzter Hemd um den Hals abgesehen, unbekleidet, ist dreckig, übersät mit Ungeziefer. Die langen, dunklen Haaren fallen ihm über sein Gesicht und verdecken seine Cupido gleiche Oberlippe. Er reicht seinem dem Bauer, der ihn ergreift, nur bis zum Gürtel. Statt aufrecht zu gehen, läuftt er bevorzugt auf allen Vieren. Seine Zunge ist an beiden Seiten in der Mundhöhle festgewachsen, so dass er nicht sprechen, lediglich Laute artikulieren kann. Der Bauer nimmt den sonderbaren, wilden Jungen mit in die Stadt. Dort werden der Bürgermeister und der Stadtschulze auf ihn aufmerksam und beschließen den seltsamen Fund näher zu inspizieren.

Er wird in das vom Amtsaufseher Müller, einem aggressiven, stadtbekannten Trinker und Spieler, geführten Armenhaus St. Spiritus überstellt. Dort versuchen die Männer den verwilderte Jungen in einen Badezuber zu zwingen, doch der völlig verängstigte, reagiert wie ein gefangener Wolf. Selbst der Versuch ihm mit der Peitsche zu disziplinieren fruchtet nicht. Da kommt einem der anwesenden Männer, dem äußerst charmanten, fürstlichen Kommissar Aristide Buchardy, die Idee, die im Waschhaus anwesende, halbwüchsige Tochter Gretel zur Besänftigung des tierischen Knaben einzusetzen. Neugierig und arglos nähert er sich ihr. Grete, die seine Hilflosigkeit und Angst spürt, spricht leise und beruhigend auf ihn ein. Sie verspricht ihn zu beschützen und gibt ihm seinem Namen: Peter.  Sie ist die Erste, die in dem Wilden den Menschen sieht.

Der Bürgermeister beschließt einer experimentellen Studie gleich, dass Gretels Vater vier Wochen Zeit hat “…aus dem Wildfang einen Menschen zu machen. Ansonsten kommt er zu den Idioten ins Tollhaus.” Dafür setzt er eine Leibrente aus. Peter wird wie ein Tier weggesperrt. Grete hat den Hemdfetzen, den einzigen Hinweis auf Peters Identität, gerettet, und entdeckt auf dem feinen Gewebe den Rest eines verblassten, leider für sie unleserlichen Wappens.

Bettina Szrama, die Autorin dieses akribisch recherchierten Historischen Romans, lässt vor den Augen ihre Leser im Beziehungsdreieck des geheimnisvollen wilden Jungen, dessen Bekanntheit als “Peter, der wilde Junge aus Hameln” ihn bis an den Hof König Georg I von England bringen wird, seiner Beschützerin Gretel, der Übersetzerin seiner unsozialisierten Handlungen, und jenes undurchsichtigen Kommissars, der die Wege, der beiden auf mysteriöse Weise immer wieder kreuzt, und dessen Interesse an Peters Herkunft über die Pflichterfüllung eines fürstlichen Befehl hinaus zu gehen scheint, eine der aufregendsten europäischen Epochen auferstehen: die Aufklärung.

Es war das Zeitalter der Entdeckungen, erster naturwissenschaftlicher Versuche, die Denker waren besessen vom Hunger nach einer besseren, von rationalen Verstehen angetriebenen Welt. Ihre Schlüsselfiguren waren Rousseau, Voltaire, Newton, Descartes und der Englische Philosoph John Locke und ihre Prämisse: der Mensch ist von Natur aus gut. Es war eine Zeit, in der sich endlich die Idee der Vernunft gegen den Aberglauben durchsetzen sollte. Philosophen diskutierten die genau Definition dessen, was einen Menschen ausmachte? Die Sprache? Fragten sich, ob der Mensch eine Seele hätten, oder ob nicht? Wenn Peter nicht sprechen konnte, besaß er dann auch keine Seele? War er nur ein Tier? Oder war ein liebenswürdiger “nobler Wilder”, der alleine im Wald ein von der Gesellschaft unverdorbenes Leben geführt hatte? Der Umgang der georgianischen Gesellschaft mit Peter war so etwas wie der Lackmustest all dieser Überlegungen.

Peters Geschichte inspirierte nicht nur Bettina Szrama zu ihren Roman “Das wilde Kind von Hameln”, sondern auch zeitgenössischen Literaten wie Jonathan Swift, Mary Edgeworth und Daniel Defoe begeisterten sich für “the most wonderful wonder” und “one of the greatest curiosities of the world since the time of Adam.” Auch heute scheint er nicht vergessen, sein Grab in Berkhamsted wird regelmäßig mit Blumen geschmückt. ( nach: Lucy Worsely http://www.bbc.com/news/magazine-14215171)

Szrama hat es nun verstanden in wundervoller Sprache die verschiedenen Handlungstränge, die Geschichte des wilden Jungen, die auf einer Vielzahl historischer Quellen beruht, eine davon, sein von Georg I in Auftrag gegebenes Portrait, gemalt von William Kent, hängt immer noch im im Treppenhaus des Kensington Palace, als auch die in Norddeutschland bekannte und bis heute romantisierte tragische Königsmarck-Affaire, sowie die romantische Liebesgeschichte des tugendhaften Mädchens mit dem, einem höheren Ziel folgenden, Abenteurer zu einer absolut fesselnden Geschichte zu verweben.

Dieser Roman hat alles, was man sich von einem historischen Roman wünscht: Infotainment at its best!

Bettina Szrama: Das wilde Kind von Hameln, Acabus-Verlag, 307 Seiten, 978-3-86282-361-1

Vielen Dank beim Acabus Verlag für das Rezensionsexemplar.

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