Wenn die Zahnfee kommt…

Jeder Deutschleistungskurs’ler erinnert sich an Thomas Mann Klassiker Die Buddenbrooks . Dort stehen die vor sich hin faulenden Zähne des letzten Erben jener Titel gebende Lübecker Familiendynastie für den psychischen & physischen, aber auch moralischen Verfall einer Familie, eines ganzen gesellschaftlichen Standes.

Die junge Autorin (Jahrgang 93) Helene Bukowski, zur Zeit noch Studentin des literarischen Schreibens & Lektorierens in Hildesheim, Grimme Preis gekrönt für ihre Co-Autorenschaft am Dokumentarfilm Zehn Wochen Sommer , nennt nun also ihren ersten Roman Milchzähne. Ein psychologisch vorbelastetes Motiv, unheilvoll, auch wenn es doch so harmlos klingt, nach Schultüte & Grinsephotos.

Die Milchzähne als Leitmotiv in Bukowskis durch atmosphärisch dichter, durch dystopische Endzeitbedrohlichkeit gekennzeichneter Geschichte von der jungen Skalde & ihre Mutter Edith. Die Beiden leben in einem eigentlich verwunschenen Häuschen, einem Aussteiger-Hippie-Idyll, umringt von Brombeerhecken, Gemüsebeeten & Kanninchenställen am Rande eines Kieferwäldchens, wären da nicht die mit Zeitungen verklebten Fenster, die stete Dunkelheit & Kälte & die undurchdringbare Nebelwand der Leser wähnte sich in Brandenburg oder der Uckermark.

Der Vater ist tot & die restriktive Mutter maßregelt die Bewegungsfreiheit ihrer Tochter vom Sofa aus. Bis zur Hecke, auf keinen Fall weiter, von dort droht das Unheil, die Gefahr, die mit aller Gewalt aufgehalten werden muss. Über den Fluss ist auch keine Option, da die mit der Außenwelt verbindende Brücke nach einem Unglück zerstört wurde. Antworten nach dem wer, warum & weshalb bleibt Edith ihrer heranwachsenden Tochter schuldig, wie auch die Autorin der Leserschaft.

Doch man versteht schnell, dass es in diesem Szenario nur vorrangig um die äußere Bedrohung geht, ob sie nun real ist oder nur in Ediths Kopf existiert. Das Thema der Autorin schein die Dysfunktionalität von Systemen zu sein, ob im kleinen oder im gesellschaftlichen Großen.

Die Konflikte beginnen als diese Abgeschiedenheit & Isolation von Skalde durchbrochen wird, die eines Tages eine Fremde, ein kleines Mädchen, mitbringt, das sie gegen den Willen der Dorfgemeinschaft & ihrer Mutter bei sich behalten möchte.

Als Skaldes ihre Milchzähne & damit ihre kindliche Unschuld verliert, eskaliert das Mutter-Tochter-Verhältnis. Das, was sich in einer weniger archaischen, weniger isolierten Umgebung in dieser Gefühlsintensität möglicherweise erst mit Einsetzen der Pubertät seinen Weg an die Oberfläche bahnt, formiert sich hier dementsprechend früher.

Psychologisch & literarisch gekonnt, albtraumhafte Bilder malend, eine Ich-Perspektive mit Ausrufezeichen, die Skaldes „Isolationshaft“, ihr „auf-sich-selbst-zurück-geworfen-Sein“ unterstreicht.

Ein Debut das körperliche Beklemmung auslöst; ich bin fasziniert & freue mich auf mehr.

Helene Bukowski: Milchzähne. Blumenbar. 2019

Ich danke dem Blumenbar Verlag für das Rezensionsexemplar.

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